Den Pflegeberuf attraktiv gestalten!

Landtagsrede vom 01.07.2011 zu TOP 18 + 24, Mehr Zeit für Pflege, Förderung der beruflichen Weiterbildung im Bereich der Altenpflege finanziell sichern (Drucksachen 17/1573, 17/1594)

Es gilt das gesprochene Wort!

Seien sie doch so freundlich und bemühen Sie heute Morgen einmal Ihre Phantasie. Sie stehen in der Situation, dass Sie sich nach dem Abschluss der Schule oder als Umschüler für einen Beruf entscheiden müssen. Und Sie entscheiden sich ganz bewusst für die Alten- oder Krankenpflege. Was ist die Motivation für diese Berufswahl? Sie werden wahrscheinlich sagen, ich möchte kranken und pflegebedürftigen Menschen helfen, diese begleiten, ich möchte in einem Team arbeiten, Pflege, medizinische Behandlungen, Ernährung interessieren mich sehr. Keiner wird spontan antworten: Ich möchte in die Pflege, weil ich gerne am Schreibtisch sitze.

Fakt ist aber, dass bis zu einem Drittel der Arbeitszeit von Pflegefachkräften für die Dokumentation verwendet wird. Das sind durchschnittlich ca. 20 Minuten pro Stunde. Können Sie sich vorstellen, wie kostbar diese Zeit ist, wenn sie den Pflegebedürftigen zur Verfügung stehen würde, wenn diese wieder zur Selbstständigkeit mobilisiert werden sollen oder wenn die Lebenszeit kürzer wird?

Das in einer sehr umfangreichen Ausbildung Erlernte kann oft nicht umgesetzt werden, weil immer mehr Zeit für die Dokumentation und die häufig unabgestimmten Kontrollmechanismen bereitgestellt werden muss. Der Personalschlüssel ist aber parallel nicht erhöht worden. Immer mehr berufsuntypische Aufgaben, immer weniger Pflegezeit. Das ist uns auch in den Pflegepraktika, die unsere Fraktion im Mai gemacht hat, immer wieder bestätigt worden. Und das ist einer der Gründe, warum so viele den Pflegeberuf sehr früh wieder verlassen.

Ich möchte absolut nicht missverstanden werden: Dokumentation ist wichtig, sehr wichtig. Sie sichert auch im Sinne des Verbraucherschutzes Qualität und Transparenz zwischen Patient und allen Beteiligten sowie der der Kostenträger. Sie gibt dem Pflegepersonal Aufschluss über Entwicklungen und bietet Sicherheit. Aber die Ausmaße sind einfach zu groß, besonders in einer Zeit, wo wir händeringend nach Fachpersonal in der Pflege suchen und Pflegezeit wertvoll ist. Pflegekräfte durch unangemessene Rahmenbedingungen zu frustrieren, können wir uns als Gesellschaft nicht leisten.

Wir wollen keine Abschaffung der Dokumentation, sondern wir wünschen uns eine Reduzierung auf ein sinnvolles Maß, das Sicherheit, Transparenz und Qualität auch weiter gewährleistet. Und eine Form der Dokumentation und Kontrollen, die die Profession Pflege nicht immer in Frage stellt, abgestimmt mit allen Akteuren.

Wir brauchen für die Pflege gute motivierte Menschen, denen müssen wir Rahmenbedingungen bieten, die es ihnen physisch, psychisch und organisatorisch ermöglichen, diesen anspruchsvollen Beruf möglichst lange auszuüben. Dazu gehören feste, verlässliche Arbeitszeiten, die mit Familien vereinbar sind, ein Gehalt, von dem man leben kann, organisatorische Rahmenbedingungen, in denen die eigentliche Pflege die Hauptrolle spielt, das Gelernte umgesetzt werden kann. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, deshalb muss der Pflegebedürftigkeitsbegriff dringend geändert werden, weg von der Minutenpflege hin zur patientenorientierten Pflege.

Dazu gehört aber auch eine kostenlose Ausbildung. Bis 2020 fehlen uns deutschlandweit 300.000 Pflegefachkräfte. 1.200 landesgeförderte Ausbildungsplätze in der Altenpflege sind nicht ausreichend. Wer zu spät kommt, muss warten oder aber selbst das Schulgeld bezahlen. Und wer nicht warten will oder zahlen kann, sucht sich einen anderen Beruf und kehrt der Pflege den Rücken. In einem Land, wo wir kostenfrei Medizin studieren können, sollte auch die Altenpflegeausbildung kostenfrei sei.

Deshalb hatte es schon im Herbst letzten Jahres einen Antrag von der Opposition zur finanziellen Sicherstellung des 3. Ausbildungsjahres bei Umschülern in Pflegeberufen gegeben. Die bislang dafür zur Verfügung gestellten Mittel aus dem Konjunkturpaket II laufen Ende 2011 aus. Der Antrag wurde zurückgenommen, weil gleichzeitig der Bundesrat beschlossen hatte, dass diesbezüglich Geld wieder zur Verfügung gestellt werden soll. Ein weiser Beschluss, Umsetzung bis heute: mal wieder Fehlanzeige!

In Niedersachsen z.B. hat man die Situation erkannt und vor allem auch gehandelt und die Kosten für das 3. Umschulungsjahr finanziert. Aber die für diesen Bereich zuständige FDP in Bund und Land handelt nicht, ist mit dem Personalwechsel überfordert, Pflege wird wieder mal verschoben. Stattdessen gibt es im selbstausgerufenen Jahr der Pflege Runde Tische noch und nöcher, auch hier wird gerade wieder ein Versorgungsgipfel vorbereitet.

Ich finde den Austausch mit den Fachleuten immer gut und wichtig, aber sämtliche Erkenntnisse, die den Bereich Pflege zukunftssicher machen können, liegen bereits auf dem Tisch. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein wirkliches Handlungsdefizit. Herr Minister Garg, setzen Sie ihre Grußworte endlich in Handeln um!

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