Dokumentation ja – zur Qualitätsverbesserung in der Pflege

TOP 36, Mehr Zeit für Pflege (Drucksache 18/629, 18/660)

Diese Rede wurde zu Protokoll gegeben.

Jeder hat eine Motivation, um den jeweiligen Beruf zu erlernen. Automechaniker erlernen ihren Beruf, weil sie gerne Autos reparieren möchten, Gärtner arbeiten gern mit Pflanzen usw. Warum möchten junge Menschen einen Pflegeberuf ergreifen? Weil sie gerne mit kranken und pflegebedürftigen Menschen arbeiten möchten. Ganz sicher nicht, weil sie gerne am Schreibtisch sitzen wollen. Aber genau das ist der Fall. Heimaufsicht, MDK, Pflege-TÜV, Berufsgenossenschaften usw. führen Kontrollen durch. Oftmals kaum abgestimmt.

Die Ansage ist klar: Es hat nichts stattgefunden, was nicht dokumentiert ist. Egal wie gut die Pflege in Wirklichkeit durchgeführt wurde. Fakt ist, dass mittlerweile bis zu 35% der durchschnittlichen Arbeitszeit von Pflegefachkräften für die Dokumentation und andere berufsfremde Verwaltungstätigkeiten aufgewandt werden. Das sind ca. 20 Minuten pro Stunde.

Können sie sich vorstellen, wie kostbar diese Zeit ist, wenn ein Mensch wieder zur Selbstständigkeit mobilisiert werden soll, wenn Wunden fachgerecht unter hygienischen Kautelen versorgt werden müssen, wenn das Essen angereicht werden muss oder einfach nur für menschliche Zuwendung, besonders wenn die Lebenszeit kürzer wird?

Stattdessen bestimmt mittlerweile eine von Misstrauen geprägte Kontrollkultur den Pflegealltag. In die Pflegeabläufe wurden immer mehr Dokumentationsmechanismen eingebaut und Pflege wird so ständig in Frage gestellt. Leider hat man aber versäumt, den Personalschlüssel entsprechend daran anzupassen. So wurde die Arbeitsdichte kontinuierlich erhöht und es bleibt immer weniger Zeit für die eigentliche Pflege.

Und genau das ist neben dem immensen Zeitdruck und chronischen Personalmangel einer der Hauptgründe, warum viel zu viele Kolleginnen und Kollegen diesen Beruf wieder frühzeitig verlassen. Sie sind ständig frustriert, weil sie ihr fundiertes Fachwissen nicht umsetzen können. Da sind wir mit durchschnittlich 8 Jahren in Europa arme Spitzenreiter.

Aus eigener Erfahrung weiß ich natürlich um die Bedeutung von Dokumentation. Sie ist für Pflege- und Behandlungsabläufe wichtig und notwendig. Sie sichert z.B. die patientenorientierte Kommunikation von Pflegepersonal untereinander und bietet Transparenz. Aber ich stelle mir die Frage, ob die Ausmaße, die die Dokumentation mittlerweile angenommen hat, wirklich dem Patienten zu Gute kommen. Hat die Pflege sich wirklich dadurch verbessert? Oder wird vielleicht so viel dokumentiert, um den externen Ansprüchen gerecht zu werden?

Es gibt Einrichtungen, in denen die Pflegedokumentation von Mitarbeiterinnen gemacht wird, die den ganzen Tag keine Bewohnerin oder Bewohner oder Patienten gesehen haben. Hauptsache, es ist alles geschrieben. Das macht deutlich unter welchem finanziellen Druck die Einrichtungen stehen.

Bestes Beispiel: der Pflege-TÜV. Hier stellt sich die Frage, ob die Benotung wirklich so transparent ist, wie es uns der Name Pflege-Transparenzvereinbarung uns weismachen will. Oder ist das Trachten nach einer guten Benotung nicht eher ökonomisch gesteuert? Nachweislich haben Heime mit guten Noten eine bessere Belegungszahl. Folglich wird genau damit geworben. Und es macht eine perfekt vorgehaltene Dokumentation so wichtig.

Wenn man jedoch die Erlebnisqualität bei den Bewohnerinnen und Bewohnern prüfen würde, bekäme man vielleicht einen anderen Eindruck. Bei der Benotung werden verschiedene Kriterien hinterfragt, die dann in einer Gesamtnote enden. So können schlechte Einzelnoten in den wichtigen pflegerischen Versorgungsbereichen durch gute Noten in anderen Bereichen rein rechnerisch ausgeglichen werden.

Bei dem augenblicklichen Verfahren kann z.B. eine schlechte Benotung bei der Dekubitus-Prophylaxe durch eine gut lesbare Speisekarte ausgeglichen werden. Ich denke, das ist weder im Sinne des Verbraucherschutzes, noch wird es den Ansprüchen der Pflege gerecht. Die Transparenzvereinbarungen müssen überarbeitet werden, die Vorgaben der Dokumentation von Bundes- und Landesebene müssen besser abgestimmt werden und genau das ist Inhalt unseres Antrages.

Pflegedokumentation sollte ausschließlich der Qualitätsverbesserung in der Pflege dienen, dem Patienten zu Gute kommen und nicht die Bedürfnisse von Aufsichtskontrollen befriedigen.

Die AWO hat gestern unter dem Motto „Pflege braucht Zeit“ eine Kampagne gestartet. Schauen Sie sich das ruhig mal an und überlegen Sie, ob Sie nicht ein wenig Zeit für Pflege spenden können. So können Sie sich direkt vor Ort einen Eindruck über den Dokumentationswahnsinn verschaffen und gleichzeitig etwas Gutes tun!

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