Stärken und Schwächen des Einzelnen annehmen und fördern

TOP 33 + 60: Aktionsplan für Menschen mit Behinderung erarbeiten – Umsetzung der UN-Konvention voranbringen / Bericht des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung (Drucksachen 18/1035 und 18/1308)

Eigentlich würde mein Kollege Wolfgang Baasch diese Rede jetzt halten und ich weiß, dass er es auch liebend gerne gemacht hätte – nicht nur aus politischer Verantwortlichkeit für das Thema, sondern aus tiefster Überzeugung und jahrzehntelangem Engagement für Menschen mit Behinderungen. Ich wünsche ihm auch von dieser Stelle gute Besserung!

Lieber Uli Hase, im Namen meiner Fraktion möchte ich mich bei Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für diesen umfangreichen, informativen und vor allem aufschlussreichen Bericht bedanken. Er hält uns als Parlament und der Gesellschaft einen Spiegel vor.

Wie gehen wir als Politik und als Gesellschaft mit denen um, die vielleicht mehr als alle anderen Schutz, Begleitung, Anerkennung, aber auch Gleichbehandlung und Teilhabe im besten Sinne der Selbstverständlichkeit brauchen? Selbstverständlichkeit in der Kita und Schule, Selbstverständlichkeit im Arbeitsleben, in der Freizeit, beim Wohnen, beim Bauen, in den Verwaltungen, in und mit den Medien, Selbstverständlichkeit im Umgang und beim Einkaufen. Eben ein selbstverständliches Miteinander.

Unsere Gesellschaft besteht nun einmal aus den unterschiedlichsten Menschen. Hier geht es doch nicht nur um Menschen mit den anerkannten eingeschränkten Fähigkeiten z.B. Sehen, Hören, Sprechen, Laufen, Fühlen usw.

Hier geht es auch um Menschen, die laut Zeugnis vielleicht alles können und beste Noten haben, aber im mitmenschlichen Bereich überhaupt nicht zurechtkommen. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Wer bedarf also mehr der Inklusion? Menschen , die nach unserem allgemeinen Verständnis und Begriffen „gesund“ sind wie z.B. der Mathematik-Professor, der zwar gute Berechnungen aufstellen kann, der Politiker, der zwar strategisch gut agiert, die aber im mitmenschlichen Umgang überhaupt nicht zurecht kommen. Oder der Gehörlose, der zwar nicht hören kann, der aber hervorragende Sozialkompetenzen mitbringt.

Es ist diese Vielfalt, die unsere Gesellschaft bunter, aber auch robuster macht. Jeder hat Stärken und Schwächen. Nur wenn wir gewillt und vor allem fähig sind, diese Stärken und Schwächen anzunehmen, sie zu fördern und zu nutzen, geben wir allen die Möglichkeit, einen Beitrag zum großen Ganzen zu leisten. Das muss unser Weg sein, das ist der Weg der Inklusion. Durch Ausgrenzung von im System klar definierten Einschränkungen schaffen wir es nicht, stattdessen gehen uns viele Ressourcen und positive Erlebnisse verloren.

Um der Unterschiedlichkeit der verschiedenen Menschen gerecht zu werden, müssen alle die gleichen Chancen haben. Das bedeutet aber nicht, sie gleich zu behandeln. Wir bieten den Menschen nur dann Chancengleichheit, wenn wir ihnen die individuell benötigten Rahmenbedingungen schaffen.

Es passiert viel im Land. Die Gemeinde Kropp hat sich z.B. im letzten Jahr aufgemacht und sämtliche Bereiche und Angebote des alltäglichen Lebens vom Supermarkt bis zum Sportverein, von Straßenverhältnissen bis zu Musikkursen durchforstet und geschaut ob jedes Angebot wirklich von jedem, auch von denen, die dort in der Diakonie leben, in der Gemeinde überhaupt wahrgenommen werden kann. Das genau ist gelebte Inklusion. Ich habe an einigen Veranstaltungen zu dem Thema „Kropp für alle“ teilgenommen und es hat mich wirklich tief beeindruckt.

Aber es liegt noch viel Arbeit und vor allem Umdenken in unseren Köpfen vor uns. Immer noch haben Menschen mit Behinderungen es deutlich schwerer, einen guten Arbeitsplatz zu finden. Das beginnt schon beim Ausbildungsplatz, wie eine aktuelle Studie des DGB zeigt. Die Zahl der Arbeitslosen in dieser Gruppe liegt seit Jahren konstant hoch. Anscheinend haben viele Arbeitgeber das Potenzial noch nicht erkannt. Laut Angaben der der Agentur für Arbeit, Regionaldirektion Nord haben 26,5 % der verpflichteten Arbeitgeber keine schwerbehinderten Mitarbeiter eingestellt. Es gibt noch viel zu tun.

Um die vielen Aufgaben zu meistern, bitten wir die Landesregierung, einen Aktionsplan für Menschen mit Behinderungen auf den Weg zu bringen. Wir möchten, dass die UN-Konvention nicht nur gut zu lesen ist, sondern dass sie auch selbstverständlich in unserem Land gelebt wird.

Daher möchten wir mit unserem Antrag einer den Kernforderungen des vorliegenden Berichts Rechnung tragen. Die Einbindung von Menschen mit Behinderung jeder Form in den Entstehungsprozess des Aktionsplans ist hierbei eine Selbstverständlichkeit, die wir gemeinsam mit der Landesregierung einhalten wollen. Denn ein Teil des Entstehungsprozesses muss auch sein, die Lage der Menschen mit Behinderung in unserem Land erst einmal zu erfassen. Denn – darauf hat Uli Hase uns in Gesprächen immer wieder hingewiesen – einen umfassenden Überblick über die tatsächlichen Nöte, Ängste und Probleme von Menschen mit Behinderung in Schleswig-Holstein gibt es noch nicht.

In der vergangenen Woche hatte ich die Ehre, unserer Sozialministerin eine Einladung zu überreichen. Die Einladung stammte von einer jungen Frau, die in den Schleswiger Werkstätten arbeitet und im Namen ihrer Gruppe die Einladung so formulierte: „Wir würden uns sehr freuen, wenn die Ministerin uns besuchen kommt, damit wir Menschen mit Behinderung aus unserer eigenen Sicht und eigenen Gefühlen und Empfindungen schildern, wie es für uns ist, in einer Werkstatt zu arbeiten. Auf diese Weise erfährt die Ministerin direkt und aus unserem Mund, was uns stört, was uns gefällt, womit wir einverstanden sind und dass nicht alle gleich viel belastbar sind in Leistung, Arbeitsstunden und in der Seele. Es können nicht alle über einen Kamm geschert werden!“ Ich denke, treffender kann man es nicht formulieren.

An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an Uli Hase und sein Team nicht nur für diesen Bericht, sondern für die wunderbare Arbeit, die Sie tagtäglich für unser Land und für die Menschen mit Behinderungen leisten.

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