Wer pflegt, muss dauerhaft Unterstützung bekommen

TOP 17: Pflege von Angehörigen stärken – bessere Verbreitung und Vernetzung von Informationen und Hilfsangeboten für pflegende angehörige schaffen (Drs. 18/3406 und 18/3472)

Es gilt das gesprochene Wort!

Hinweis: Diese Rede kann hier als Video abgerufen werden: http://www.landtag.ltsh.de/aktuell/mediathek/index.html

Die pflegenden Angehörigen sind der größte Pflegedienst in Deutschland. Ihnen gebührt nicht nur großer Dank, Respekt und Anerkennung für das, was sie tagtäglich meist im Verborgenen leisten, sondern auch die bestmögliche Unterstützung und Information. Die Initiative der CDU ist deshalb gut. Aber sie ist viel zu kurz gesprungen, denn pflegende Angehörige brauchen Fakten und Beratung und keine Vermehrung von Flyern.

Die meisten Menschen wünschen sich, zu Hause alt zu werden. Das geht oft nur, weil Angehörige sich bereit erklären, die Versorgung, Organisation, Begleitung und später auch die Pflege zu übernehmen. Selbstverständlich? Nein, keinesfalls. Aber trotzdem wird es gesellschaftlich und in der Familie oft so erwartet.

Und wie selbstverständlich wird die Pflege meist von den Frauen, Töchtern und Schwiegertöchtern übernommen. Wie in den Pflegeberufen ist „der“ pflegende Angehörige, laut Statistik, wieder überwiegend weiblich. Oft genug in sogenannter „Sandwichfunktion“ – auf der einen Seite die Pflege der älteren Familienmitglieder, auf der anderen Seite noch die Kinder; oft einhergehend mit dem Verzicht auf den Beruf. Wenn dann aber noch der Beruf hinzukommt, ist die Belastung immens. Diese Frauen sind ausgewiesene Managerinnen. Aber auch der beste Manager benötigt professionellen Rat und Unterstützung und holt sich das benötigte Knowhow.

Der Pflegebedarf ist ein langsamer, sich in Zeit und Intensität steigernder Prozess oder aber plötzlich durch eine Akutsituation entstehend – der Apoplex oder die Oberschenkelhalsfraktur als typisches Beispiel.

Aus reiner Unkenntnis aber bei maximaler Pflegebereitschaft kommt es nach einer gewissen Zeit der familiären Pflegetätigkeit sehr oft zu psychischen und physischen Belastungen. Fehlende Abgrenzung, Sorge, etwas falsch zu machen, krankheitsbedingte Wesensveränderung des Pflegebedürftigen, fehlende Privatsphäre, ständige Bereitschaft und Angebundensein, gestörte Nachtruhe und die Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse können zur Überforderung bis hin zum Burnout-Syndrom führen. Aggressivität nicht ausgeschlossen. Falsches Heben und Drehen bei Lageveränderungen und dauerhafte Fehlhaltungen können langfristig zu körperlichen Beschwerden führen.

Keinem ist mit einem Ausfall der Pflegeperson geholfen, weder ihr selber, noch dem Pflegebedürftigen. Deshalb ist es wichtig, dass die Pflegepersonen die passenden Pflegekompetenzen erlernen, dass sie dauerhaft ausreichend Unterstützung erfahren, z.B. durch einen sogenannten Pflegemix, und über Entlastungsmöglichkeiten und finanzielle Ansprüche gut informiert sind.

Eine zentrale Rolle kommt dabei der professionellen Pflege zu. Ambulante Pflegedienste, Krankenhäuser, Krankenkassen und Wohlfahrtsverbände bieten individuelle oder Gruppenschulungen und Informationen an, die Pflegeprofis geben ihr Wissen weiter. Es gibt landesweit Selbsthilfegruppen für den Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen. Es gibt Internetforen. In Arztpraxen, Apotheken, Begegnungsstätten liegen Informationen aus.

Aber auch der schönste Flyer kann eine persönliche Beratung nicht ersetzen. Deshalb sind uns die trägerunabhängigen Pflegestützpunkte so wichtig. Sie agieren als Kompass für Angehörige und Pflegebedürftige und beraten individuell und kompetent. Zwei Kreise fehlen uns leider noch auf der Landkarte, Steinburg und Schleswig-Flensburg. In beiden Kreisen hat die CDU leider die Mehrheit. Vielleicht können die Kolleginnen und Kollegen von der CDU-Fraktion ihren berechtigten Anspruch an gute Beratung mit ihren Kollegen in den Kreisen diskutieren. Das Land stellt dafür ein Drittel der Finanzierung weiterhin zur Verfügung.

Die Menschen werden immer älter und damit steigt das Risiko besonders, an Demenz zu erkranken. Demenz ist ein schleichender Prozess, der mit einer Wesensveränderung einhergeht und deshalb oft für Angehörige sehr belastend ist. Wenn die Mutter ihre Tochter, der Ehemann die Ehefrau nicht mehr erkennt, dann tut das schon sehr weh und man muss über die Eigenschaften der Erkrankung sehr gut aufgeklärt sein, um das neue Verhalten nicht persönlich zu nehmen. Deshalb ist in diesem Bereich eine fachliche Aufklärung der Angehörigen auch im frühen Stadium der Erkrankung von großer Bedeutung.

Ein großes Lob möchte ich an dieser Stelle dem Kompetenzzentrum Demenz für genau diese Informationsarbeit aussprechen und nachträglich herzlich zum 5. Geburtstag gratulieren. Wir wollen diese wichtige Arbeit auch weiterhin fördern. Für unseren Demenzplan Schleswig-Holstein ist diese Arbeit ein wichtiger Baustein.

Wir haben das informative Pflegeportal als Internetseite, das Pflegenottelefon und auch die KIWA. Aber, es geht natürlich noch mehr. Ich werbe sehr dafür, dass wir die niedrigschwelligen Beratungs- und Hilfsangebote ausbauen, denn nachweislich verzögern diese Angebote Pflegebedürftigkeit.

Der Pflegestützpunkt in Flensburg hat gerade im Rahmen eines Interreg-Projektes in Zusammenarbeit mit der Universität Århus die Vorteile der frühen Beratung erarbeitet. In Dänemark ist es z.B. so, dass man im Alter von 75 Jahren das Angebot einer kostenlosen Beratung in der eigenen Häuslichkeit erhält, um Hilfe, Pflege- oder Wohnraumanpassungsbedarfe zu ermitteln. Bei uns hingegen herrscht da zum Teil noch eine Servicewüste, denn viele Betroffene müssen ihren Rechten und Ansprüchen noch hinterherlaufen.

Das würde ich sehr gerne ändern! Das neue Pflegestärkungsgesetz bietet dafür gute Grundlagen. Und das wollen wir zum Wohle der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen mit Leben füllen.

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