Pflegende Angehörige leisten täglich erhebliches    

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TOP 47: Bericht zur Situation pflegender Angehöriger in Schleswig-Holstein (Drs. 19/3099(neu) 2.Fassung)

„Die SPD-Fraktion bedankt sich beim Sozialminister und den zuständigen Mitarbeitenden für den vorgelegten Bericht. Es ist gut, dass wir mit diesem Bericht einmal die pflegenden Angehörigen in den Mittelpunkt rücken, ihre wichtige Arbeit wertschätzen, aber auch Probleme näher beleuchten. Die Pflegenden Angehörigen und Sorgenden sind für das bundesdeutsche Pflegesystem die eigentlich systemrelevanteste und unverzichtbarste Säule überhaupt. Sie sind „Deutschlands größter Pflegedienst.“ Ohne sie würde über 70 % der Pflege in Deutschland nicht stattfinden. Rund vier von fünf Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt.

Der SoVD spricht von einer Wertschöpfung von ca. 40 Millarden Euro. Meist erfolgt die Pflege durch pflegende Angehörige, zu 70 % sind es Frauen, die diese Aufgabe übernehmen.  Häufig unterstützt sie dabei ein ambulanter Pflegedienst. „Ambulant vor stationär“ lautet zwar die gesetzliche Vorgabe, allerdings folgen das zur Verfügung gestellte Geld und die  Leistungen nicht dem Motto. Wer pflegerische Verantwortung für einen Angehörigen übernimmt, sollte weder von Armut bedroht sein, noch darf ihre physischen und psychischen Gesundheit durch die Aufgabe leiden. Das Gegenteil ist aber leider der Fall.

Wenn Angehörige ihre berufliche Tätigkeit aufgeben oder Arbeitszeit reduzieren, um zu Hause zu pflegen, reduziert das nicht nur das aktuelle Einkommen, sondern auch die späteren Rentenansprüche.  Aber damit nicht genug. Wird zur eigenen Entlastung Sachleistung durch einen ambulanten Pflegedienstes in Anspruch genommen, reduziert sich der durch die Pflegetätigkeit  zustehende Rentenanspruch erneut.

Pflegende Angehörige leisten täglich erhebliches. Aber was bedeutet es, wenn man an 24 Stunden 7 Tage die Woche zuständig ist? Wenn man nicht mal kurz das Haus für Besorgungen oder den eigenen Arztbesuch verlassen kann, geschweige denn für einen Kurzurlaub ohne eine  Betreuung im Vorfeld zu organisieren? Pflegedienste kommen nicht immer nach Bedarf, so wie es im Bericht steht. Bei allen vorhandenen Bemühungen – Pflegedienste kommen, wenn sie Zeit und vor allem das nötige Personal haben. Und das ist bekanntlich knapp. Deshalb gibt es immer wieder Absagen und Aufnahmestopps, besonders wenn die Anfahrtswege zu lang sind. Nachdem das Gericht entschieden hat, dass der Mindestlohn auch im Rahmen der 24-Stunden Pflege greifen soll, was ich gut und richtig finde, müssen wir mit einer weiteren Nachfrage an ambulante Pflegedienste  rechnen.

Deshalb ist es gut, wenn wir Pflegeversorgung auch anders denken. In Modellprojekten wie z.B. bei der Stiftung Mensch in Heide, bieten Autonome Pflegeteams, nicht mehr finanziell definierte Leistungen wie Duschen für 14,50€  an, sondern Zeit. Zeit, die dann genutzt werden kann, gezielt auf die tagesaktuellen Bedarfe und Wünsche der jeweiligen Person einzugehen. Stichwort ist das niederländische Modell Buurtzog. Das schafft bei allen Beteiligten große Zufriedenheit. Gepaart mit einer vernetzenden und aufsuchenden, präventiv arbeitenden Person in den Quartieren, die Community Health  Nurse,  so wie sie auch laut Ampel-Koalitionsvertrag geplant ist,  wäre das eine prima  Weiterentwicklung der Pflegelandschaft in Schleswig -Holstein.

Die Belastung der pflegenden Angehörigen ist in großen Teilen immens. Und das oft über viele Jahre mit meist steigenden Ansprüchen, wie z.B. bei der Demenz von dem leichten Vergessen bis hin zu schmerzlichen nicht Wiederkennen der engsten Bezugsperson.  Meistens schaffen sie es irgendwie. Aber manchmal entstehen Aggressionen, Wut, Angst und Verzweiflung. Das große Tabuthema heißt Gewalt in der Pflege.

Während der ersten Zeit der Coronapandemie waren Familien oft auf sich allein gestellt, haben Pflegedienste und andere Unterstützungen abbestellt, weil sie Angst vor Ansteckung hatten. Tagespflegeeinrichtungen und andere Entlastungsdienste hatten geschlossen. Bis heute sind die vorhandenen Plätze nicht voll ausgeschöpft, weil Abstände nicht immer eingehalten werden können.  Für Nachtpflege und Tageshospize gibt es zurzeit noch gar keine Plätze in SH. Aber auch in normalen Zeiten fehlen weitere Entlastungsangebote, die den pflegenden Angehörigen gesetzlich zustehen. In Schleswig-Holstein gibt es viel zu wenige Plätze für die Kurzzeitpflege. Deshalb hat die SPD 10 Millionen für den Ausbau von Kurzzeitpflegeplätzen verhandelt, die seit   Beginn des Jahres 2021 zur Verfügung stehen.  Bislang ist nicht nur kein Cent davon ausgegeben, nein die Förderrichtlinie ist noch nicht mal fertig. Anscheinend nimmt Jamaika es doch nicht so ernst mit der Wertschätzung der pflegenden Angehörigen.

Ich danke ausdrücklich dafür, dass der Bericht einen sonst gerne vergessenen Teil der Pflege in der Häuslichkeit beleuchtet: Die „Young carers“. Kinder und Jugendliche, die ihre kranken, behinderten oder auch suchtkrankte Eltern betreuen, Teile der elterlichen Aufgaben übernehmen.  Hierzu gibt es leider nur wenige Zahlen, aber Schätzungen gehen davon aus, dass in jeder Schulklasse durchschnittlich 1 Kind zwischen 12 und 17 Jahren betroffen ist.

Die SPD bedankt sich bei allen Einrichtungen, die den pflegenden Angehörigen zur Seite stehen, wie die Pflegestützpunkte, das Pflegenottelfon, den ambulanten und Teilstationären Einrichtungen. Lassen Sie uns den Bericht in den Sozialausschuss überweisen, so dass diejenigen dort zu Wort kommen können, die in diesem Bericht leider nicht zu Wort gekommen sind, nämlich die pflegenden Angehörigen selber. Denn wie in vielen Bereichen klaffen Theorie und Praxis oft weit auseinander.“

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