Wir können unsere Geschichte nicht ungeschehen machen, aber wir müssen dafür sorgen, dass sie sich nicht wiederholt!

Bild: Birte Pauls

TOP 22: Geschichte der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein aufarbeiten (Drs. 19/3558(neu))

Es gilt das gesprochene Wort!

„Am 16. Mai 1940 wurden 42 Sinti und Roma aus Neumünster an verschiedenen Orten in der Stadt von der Neumünsteraner Ordnungspolizei zusammengetrieben, im „Gesellschaftshaus Hansa“  im Haart 38 gesammelt und anschließend nach Hamburg in den Fruchtschuppen im Freihafen gebracht. Von dort ging es über Hannover und Warschau in das spätere Zwangsarbeitslager Belzec“  Mit diesen Worten beschreibt Herr Ingo Schuhmann einige persönliche Schicksale Neumünsteraner Familien in einer Broschüre, die in diesen Tagen veröffentlicht wird. 42 von insgesamt 300 Menschen, deren Weg alleine an diesem Tag, den 16.Mai 1940, aus ganz Schleswig-Holstein in Wagons zusammengepfercht in ein Konzentrationslager begann. 2.500 Menschen waren es insgesamt. Die meisten von Ihnen, darunter ganze Familien, kamen nie wieder in ihre Schleswig-Holsteinische Heimat zurück, in der ihre Familien seit Jahrhunderten lebten und arbeiteten. Sie starben unter erbärmlichen Bedingungen, an Unterernährung, an Misshandlungen, an unbehandelten Krankheiten, an Kälte oder wurden ermordet. Es sind diese sehr persönlichen Schicksale von Menschen, die bis heute das Denken und Fühlen vieler Sinti und Roma-Familien prägen. Die Verfolgung, der Völkermord. Der „Porajmos“.

Der Landesverband der Sinti und Roma mit seinem Vorsitzenden Matthäus Weiß gedenkt jährlich am 16.Mai u.a. in Kiel dieser furchtbaren und menschenverachtenden Verfolgung und des Völkermordes an Sinti und Roma. Diese Vernichtung ganzer Familien lässt die Nachkommen bis heute schweigen und still sein. Nicht weil sie nichts erzählen könnten, nein, sondern weil weiterhin diese unerträgliche Angst vorherrscht, dass sich Geschichte wiederholen könnte. Unbegründet?

Antiziganismus hat sich über Jahrhunderte in der europäischen Geschichte entwickelt, hat ihren menschenverachtenden Höhepunkt im Nationalsozialismus gefunden und ist bis heute tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Die andauernde tägliche Diskriminierung prägt oft den Alltag der Familien. Es ist für mich unfassbar, dass man aufgrund eines Nachnamens einen Handyvertrag, den Mietvertrag für eine Wohnung oder den Kita-Platz nicht bekommt. Laut einer Befragung unter deutschen Sinti und Roma sehen sich drei Viertel der Befragten einer Diskriminierung bei der Arbeit, durch Nachbarn, in Gaststätten oder an anderen Plätzen ausgesetzt. Die Zahl der erst seit 2017 offiziell erfassten antiziganistischen Straftaten hat sich laut der Statistik „zur politisch motivierten Kriminalität“ von 2018 bis 2020 mehr als verdoppelt.

Das Erzählen innerhalb der Familien ist wichtig. Das Erlebte von Zeitzeugen zu hören oder zu lesen, schafft die notwendige Betroffenheit und das Wissen, damit Geschichte sich nicht wiederholt und es fördert das gegenseitige Verständnis und friedliches Miteinander der unterschiedlichen Kulturen. Ich war 16 Jahre alt, als ich an einem deutsch-israelischen Jugendaustausch des Kirchenkreises Schleswig -Flensburg  teilnehmen durfte. In der Kennenlernwoche haben wir gemeinsam die Gedenkstätte Bergen-Belsen besucht. Während ich in meiner Kindheit und Jugend fast täglichen Kontakt mit meinen Großeltern hatte, kannte meine Austauschpartnerin ihre Großeltern nicht. Sie starben beide im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihre Großeltern Opfergeneration, meine Großeltern Tätergeneration. So standen wir dort. Hand in Hand, der Worte nicht mächtig, die unsere Gefühle hätten beschreiben konnten. Dieses Erlebnis hat mich bis ins Mark geprägt, bis heute. Das ist neben dem Verneigen vor den vielen Opfern mein ganz persönlicher Antrieb alles dafür zu tun, dass sich das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte gegenüber Andersgläubigen, anderen Kulturen, politischen Überzeugungen  und Minderheiten nie mehr wiederholt. Ich bin davon überzeugt, wenn alle Jugendlichen solche Erfahrungen machen würden, über persönliche Schicksale und Familientragödien Betroffenheit erfahren, die Diskriminierung gegenüber nationalen oder religiösen Minderheiten zurückgehen würde.

Dass heutzutage Personen in deutschen Parlamenten sitzen, die all dieses Leid verharmlosen, beschämt mich auf Tiefste. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass die demokratischen Parteien unseres Landtages diesen Antrag zur Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein, insbesondere zur Verfolgung und Vertreibung im Nationalsozialismus gemeinsam tragen und beschließen.

Die Aufarbeitung der Geschichte der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein soll dazu beitragen, das Wissen über diese Minderheit in Schleswig-Holstein deutlich zu verbreitern und die Erscheinungsformen des Antiziganismus besser zu verstehen, um so der wachsenden Diskriminierung dieser Minderheit auch in unserem Land stärker entgegenwirken zu können. Wir können unsere Geschichte nicht ungeschehen machen. Aber wir können, nein wir müssen dafür sorgen, dass sie sich nicht wiederholt. Wir sollten den Worten der Gedenktafel für die deportierten Sinti und Roma aus Neumünster folgen: „Sorgt, die ihr im Leben steht, dass einer den anderen achte!““

Hinweis: Diese Rede kann hier als Video abgerufen werden:

http://www.landtag.ltsh.de/aktuelles/mediathek

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